Die Suzukimethode

Geige spielen  lernen mit der  Muttersprachenmethode

  • Alle Kinder lernen sprechen – dabei gibt es kein Versagen
  • Früher Beginn
  • Schaffung eines musikalischen Umfeldes
  • Mitarbeit der Eltern
  • Ausbildung des Suzuki-Lehrers
  • Aufgabe des Lehrers
  • Das Lernen in kleinen Schritten
  • Regelmäßigkeit, häusliches üben
  • Anfangs ohne Noten
  • Die Unterrichtsstücke und Ausbildungsstufen
  • Das Unterrichtssystem - ein offenes System
  • Wiederholung
  • Vorspiele, Konzerte, Workshops
  • Shinichi Suzuki
  • Die Muttersprachenmethode als Erziehungsmethode

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Alle Kinder lernen sprechen – dabei gibt es kein Versagen! 

Diese simple Erkenntnis veranlasste den bedeutenden japanischenViolinpädagogen Shinichi Suzuki (1898-1998)*, eine besondere Methode des Instrumentalunterrichts für Vorschulkinder zu entwickeln. Was ihn beeindruckte, war die natürlich-leichte Art, mit der (gesunde) Kinderihre Muttersprache  assimilieren. Und: Beim Erlernen der

Muttersprache gibt es kein Versagen! Suzuki: "Wenn ein Kind seine Rechenaufgaben nicht lösen kann, sagt man, es besäße einen unterdurchschnittlichen Verstand. …Wie aber erklären wir uns dann die prachtvolle Fähigkeit der Kinder, ihre Muttersprache zu sprechen?" 

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Suzuki war überzeugt, dass jedes Kind mit hervorragenden Potentialen geboren wird. Es sei keine Sache des Talents sondern der Umwelt bzw. der Unterrichtsmethoden, ob angeborene Anlagen zu hervorragenden Talenten entwickelt werden. So analysierte er zunächst, wie Kinder ihre Sprache erlernen: 

 

  • Das Kind lernt Sprache, weil es sie vom Tag der Geburt an täglich hört. 
  • Es lernt durch Wiederholung. Dem Kind werden Wörter unzählige Male vorgesprochen, bis es sein erstes "Mama" sagt. 
  • Lernen durch Nachahmung ist beim Vorschulkind eine wichtige Lernform. Nachsprechen wird mit viel Lob bedacht und das Kind wird gegebenenfalls liebevoll verbessert. 
  • Jedem Kind wird sein eigenes Lerntempo zugestanden. 
  • Gelernte Wörter bleiben im Sprachgebrauch und werden weiter wiederholt.
  • Anfangs werden einzelne Worte gesprochen, später Wortgruppen und zuletzt ganze Sätze. 
  • Es gibt Gelegenheit zum "Vorführen" neu gelernter Wörter, z.B. wenn Besuch kommt. 
  • "Fähigkeit erzeugt Fähigkeit". Das Lernen als solches wird trainiert, der Wortschatz wächst in immer größerem Tempo. 
  • Das analytische Erfassen der Sprache (Buchstabieren, Schreiben, Lesen, Grammatik) beginnt erst im Schulalter. 

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Suzuki übertrug seine Beobachtungen zunächst auf den Violinunterricht, dessen Methode er unter oben genannten Gesichtspunkten sein Leben lang  weiter zu optimieren suchte. Er selbst nannte sie die

"Muttersprachen-Methode".  

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Suzuki sah sein Lebenswerk darin, jedem Kind die Möglichkeit zu geben, sich seelisch und geistig optimal zu entfalten: Suzuki: "Wenn ein Kind vom Tage seiner Geburt an gute Musik hört und auch selbst spielen lernt, entwickelt es Empfindsamkeit, Disziplin und Ausdauer... Es erwirbt damit ein gutes Herz." 

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Seit den 70er Jahren etabliert und bewährt sich Suzukis Muttersprachen-Methode weltweit.

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Violinunterricht nach Suzukis Methode in der Praxis 

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Das Kind erhält regelmäßig je 1x pro Woche Einzel- und Gruppenunterricht. 

Im Einzelunterricht werden individuelle Problemstellungen am besten behandelt. Vater oder Mutter werden aktiv mit einbezogen, indem sie zusehen, sich Notizen machen und  die übersichtlich

aufgegliederten kleinen und kleinsten Unterrichtsschritte am Ende des Unterrichts erklärt bekommen und selbst ausprobieren dürfen. So können die Eltern ihr Kind beim Üben zu Hause anleiten und unterstützen. 

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Dauer des Einzelunterrichts: je nach Alter bzw. Ausbildungsstufe 20-45 Minuten.

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In den Gruppenstunden führen spezifische Spiele zu

Bewegungsabläufen des Geigenspiels hin, fördern die feinmotorische Entwicklung, das Reaktionsvermögen, das aufeinander Hören und  das soziale Lernen. Jedes Kind darf in der Gruppenstunde solistisch hervortreten, so dass von vornherein Auftrittsangst vorgebeugt wird. Es kann durch Zuschauen lernen, seine Kritikfähigkeit und Selbstreflexion schulen u.v.m. Konzentriertes Üben wechselt ab mit Action und Bewegung. Nicht

zuletzt verschafft das Gemeinschaftserlebnis Spaß und Motivation.  

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Dauer der Gruppenstunde: 45 Minuten

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Früher Beginn. In Anlehnung an das muttersprachliche Lernen sollte das Kind so früh wie möglich viel gute (Geigen)musik zu hören bekommen und möglichst früh mit dem Unterricht beginnen, am besten mit ca. 3 - 4 Jahren. Der Unterrichtsbeginn im Vorschulalter ist wünschenswert wegen der zu dem Zeitpunkt noch gut ausgeprägten Fähigkeit, durch Nachahmen zu lernen. Darauf baut Suzukis System auf. 

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Schaffung eines musikalischen Umfeldes. Wie beim Erlernen der Muttersprache darf das Kind sein Instrument durch Hören, Beobachten und Nachahmen im eigenen Lerntempo erfahren. Ein musikalisches Umfeld wird ein Kind meist anregen, sich von selbst für Musik zu interessieren. Deshalb spielt eine besondere Rolle die 

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Mitarbeit der Eltern. Einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen tragen neben dem Lehrer die Eltern bei. In 6wöchigen Elternkursen werden die Eltern auf ihre "Vorbildfunktion" vorbereitet, indem sie die ersten Schritte auf der Geige gezeigt bekommen, zu Hause weiter ausprobieren und bald ihr erstes Kinderlied darauf spielen können werden. Im Nebeneffekt werden sie außerdem gut nachvollziehen können, was ihre Kinder leisten und beim Üben des Kindes nicht nur unbeteiligt daneben stehen. 

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Ausbildung des Suzuki-Lehrers: Jede Methode kann nur so gut sein wie der Lehrer, der sie unterrichtet. Das Deutsche Suzuki-Institut, Mitglied der European Suzuki Association, veranstaltet Lehrerkurse in 5 Ausbildungsstufen.

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Hierbei geht es um die 

  • Vermittlung einer für Kinder entsprechend der jeweiligen Ausbildungsstufe durch Schauen und Hören nachvollziehbaren Violintechnik unter Beachtung ihrer motorischen Möglichkeiten. Diesem Ausbildungspunkt widmen sich die Dozenten sehr sorgfältig im Einzelunterricht 
  • Methodik und Didaktik 
  • Suzuki-Pädagogik und deren Philosophie 
  • Systematische Erarbeitung des Unterrichtswerkes unter Beachtung aller einzelnen Unterrichtspunkte 
  • Anleitung und Anregungen für den Einzel- und Gruppenunterricht Unterrichtshospitationen und Praktika 

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Die jeweiligen Ausbildungsstufen schließen mit praktischen und theoretischen Prüfungen ab. 

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Aufgabe des Lehrers ist, auf 

  • eine freundliche Unterrichtsatmosphäre 
  • spielerische Vermittlung 
  • kindgerechte Sprache (weniger Worte, mehr zeigen und
  • vorspielen) 
  • kleine und für Kinder und Eltern auch zu Hause nachvollziehbare
  • Lernschritte 
  • Motivation durch Schaffung von kleinen und größeren Erfolgserlebnissen

 zu achten. 

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Das Lernen in kleinen Schritten (adäquat zum Lernen von Wörtern und Wortgruppen) verhilft dem Kind zu steten winzigen Erfolgen, von denen jeder einzelne natürlich durch viel Lob honoriert wird. Die Suzuki-Methode beginnt mit kurzen musikalischen Wendungen aus einfachen bekannten Kinderliedern. Alle Schritte sind klein aufgegliedert und leicht nachvollziehbar. Die Konzentration wird auf jeweils einen einzigen Punkt gerichtet. Es geht nicht so sehr darum, möglichst schnell viele Lieder, sondern Lieder mit möglichst schönem Klang spielen zu lernen. 

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Regelmäßigkeit, häusliches Üben. Dass ein Kind nicht gut sprechen lernt, wenn es die Muttersprache nur 1x wöchentlich hört oder spricht, leuchtet sicher ein. So sollten die Eltern dafür sorgen, dass täglich geübt und die CD mit den Unterrichtsstücken gehört wird. 

Mitspiel- CDs auf denen selbst technische Übungen zu Musik werden erleichtern das Üben. 

Die Zeit, die Eltern mit ihrem Kind beim täglichen Üben verbringen ist keine verlorene Zeit. Es ist Zeit, die sie mit intensiv mit ihrem Kind verbringen, also gewonnene Zeit! 

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Anfangs ohne Noten: Auf das Notenlesen wird anfangs verzichtet. Das Kind beginnt, sich erst einmal ohne Noten sein Instrument zu erschließen und kann sich dadurch ganz auf Bewegungsabläufe und Klang konzentrieren. Das Notenlernen kommt hinzu, wenn das Kind in dem Alter ist, in dem es sich auch für Buchstaben interessiert. Zum Kennenlernen der Stücke hört es täglich die Unterrichts-CD. 

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Die Unterrichtsstücke und Ausbildungsstufen. Die Ausbildung beginnt in der Unterstufe mit Kinderliedern, geht bald über zu leichten Bach-Menuetten, weiteren barocken, klassischen und romantischen Stücken, weiter zu den klassischen (im Sinne von „gebräuchlichen") Schülerkonzerten in der Mittelstufe und endet nach etwa 10-15 Ausbildungsjahren in der Oberstufe mit Violinkonzerten von z.B. Mozart, Viotti, Mendelssohn, Stücken von Paganini, Sarasate, Kreisler u.a. 

Die Stücke bauen aufeinander auf, sowohl unter violintechnischem als auch unter dem Aspekt des Gedächtnistrainings. Auswendiglernen fällt dem Kind zunehmend leichter, so dass die Stücke in dieser Hinsicht immer komplizierter werden dürfen. 

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Das Unterrichtssystem – ein offenes System. Die Unterrichtsliteratur kann und soll durch den Lehrer ergänzt werden. Er wird auf individuelle Problemstellungen eingehen indem er jederzeit auf seinen eigenen Ideen-Fundus zurückgreift und er wird persönliche Wünsche des Schülers nach Möglichkeit berücksichtigen. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. 

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Wiederholung: Nicht nur neu zu lernende Stücke und Vorübungen werden durch wiederholtes Hören und Spielen gelernt So wie gelernte Wörter nicht einfach fallengelassen sondern weiter in Benutzung sind, werden gelernte Stücke regelmäßig wiederholt und bleiben somit abrufbereit im Repertoir. Neue Techniken werden an vertrauten Stücken geübt. 

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Vorspiele, Konzerte, Workshops werden in Zusammenarbeit mit den Eltern geplant und durchgeführt. Da alle Suzuki-Schüler weltweit das gleiche Grundrepertoir lernen, sind sie jederzeit in der Lage, auf den regelmäßig stattfindenden Workshops nationaler und internationaler Ebene mit anderen spontan gemeinsam zu musizieren. 

Häufige Vorspiele wecken Ehrgeiz aber auch Mut und Selbstvertrauen. 

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Das Lernen eines Instrumentes nach der Muttersprachenmethode schult Fähigkeiten, die jeder Mensch im "richtigen" Leben brauchen kann: Es schafft Selbstsicherheit durch Erfolgserlebnisse, trainiert Ausdauer, Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnisleistung (als Grundlage allen Lernens), fördert beim Kind Ausdrucksstärke, die seelische Entwicklung,  das Eingliedern als auch das sich selbst vertreten in Gruppen, senibilisiert für Schönheit und Kunst u.v.m.

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*Shinichi Suzuki, 1898 in Nagoya, Japan, als Sohn des Gründers der weltgrößten Geigenfabrik geboren, lernte erst mit 17 Jahren anfangs autodidaktisch Geige, studierte in Tokio und dann 8 Jahre in Berlin bei Karl Klingler. Kehrte mit Frau Waltraud 1927 zurück um Konzerte zu geben und zu unterrichten. Begann 1945 in Matsumoto an der dortigen Musikschule mit seiner "Talenterziehungs-Methode" und gründete später das heute weltberühmte Institut für Talenterziehung, das seither hunderttausende Vorschulkinder besuchten. 

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Suzuki hatte eine Vision: "Mein Herz ist übervoll von dem Wunsch mitzuhelfen, dass alle auf dieser Erde geborenen Kinder gute und glückliche Kinder werden, Menschen mit hervorragenden Fähigkeiten. Ich habe mein Leben und meine ganze Tatkraft vollständig diesem Ziel verschrieben, denn meine Entdeckung hat  mir gezeigt, dass jedes Kind ohne Ausnahme mit dieser Möglichkeit geboren wird … .Ich glaube auch, dass die Menschheit eines Tages eine solche Welt erschaffen muß, in der jedermann einsehen wird, dass Kinder diese  Möglichkeit besitzen. Ich  habe deshalb bei den Vereinten Nationen…an die Vertreter der Nationen der Welt einen Aufruf gerichtet etwas zu tun. Zurzeit versuche ich zu erreichen, dass meine Talenterziehung in allen Lebensbereichen angewandt wird. Ich beginne Grundschulleiter, die in ihren Ansichten mit mirübereinstimmen, von der Erprobung von Erziehungsmethoden zu überzeugen, mit deren Hilfe kein einziger Schüler in der Schule versagt. Ich bemühe mich darüber hinaus, etwas für geistig zurückgebliebene Kinder zu tun, und strebe danach, gleichgesinnte Politiker zu überzeugen, dass sie sich zu einer Politik bekennen, die auch Kinder berücksichtigt. (Aus dem Nachwort "Erziehung ist Liebe" S. Suzuki 1969) 

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Suzuki wurde für seine Arbeit weltweit mit zahlreichen Ehrendoktortiteln und Ehrenbürgerschaften ausgezeichnet. Er starb 1998.

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Die Muttersprachenmethode als Erziehungsmethode 

Ein Instrument in positiver Atmosphäre zu lernen bedeutet, für das Leben zu lernen. Es gibt hier wie dort Höhen und Tiefen, und wir können die Erfahrung machen, dass es sich lohnt, diese durchzustehen. 

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Wir lernen am Instrument, uns zu konzentrieren. 

Das Kind kann durch das tägliche Üben seine Aufmerksamkeitsspanne merklich trainieren, mit der Muttersprachenmethode um so intensiver, da das gesamte Repertoir auswendig gespielt wird. So wird wie nebenbei das Gedächtnis trainiert. Gedächtnis und Konzentration bilden gute Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen auch in der Schule. 

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Die damit verbundenen Erfolgserlebnisse geben Selbstvertrauen, die beste Voraussetzung für das Kind, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Und wenn es die Erfahrung macht, dass Lernen Freude bereitet, wird es dies auch auf anderen Gebieten wiederholen wollen. 

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Kindern Erfolgserlebnisse zu verschaffen ist Aufgabe von Eltern und Lehrern beim täglichen Üben. Dabei geht es nicht darum, blind zu loben, sondern wir sollten dafür sorgen, Kindern durch differenziertes Feedback zu einer realistischen Selbsteinschätzung zu verhelfen. Diese wird zudem durch die Gruppenstunden gefördert, denn dort hat jeder Schüler Vergleichsmöglichkeiten. Hier kann er Selbstkritik als Herausforderung sehen lernen. Aber auch Toleranz Schwächeren, Kleineren, Jüngeren gegenüber wird geübt (in unserer Gruppe sind die Größeren rührend nachsichtig mit unserem Jüngsten), sowie soziale Kompetenz, und Gemeinsinn entwickelt. 

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Nicht zuletzt bildet sich beim Kind ein Sinn für Kunst und Ästhetik heraus. Zitat S. Suzuki: „Wenn ein Kind vom Tag seiner Geburt an gute Musik hört und auch selbst spielen lernt, entwickelt es Empfindsamkeit, Disziplin und Ausdauer. Es erwirbt damit ein gutes Herz.“ 

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Bundespräsident a.D. Joachim Gauck in seiner Rede zum Wandelkonzert anlässlich des 50. Jubiläums von "Jugend musiziert": 

"Im gemeinsamen Musizieren eröffnen sich Menschen ja nicht nur die Welten der Musik, der Kultur. Indem sie aufeinander hören, miteinander arbeiten, sich selbst etwas abverlangen, lernen sie eine Lebensform der Verbundenheit miteinander. Weder im privaten Leben noch im öffentlichen Miteinander können wir auf diese Lebenshaltung und auf diese Lebensform verzichten." 

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Quellen:

  • Shinichi Suzuki: "Erziehung ist Liebe 
  • Kerstin Wartberg: "Erziehung durch Musik" 
  • Evelyn Hermann: "Die Suzuki-Methode – eine Philosophie der Lebenserziehung" 
  • Flora Gall: Einführungsvorlesung zum Lehrerkurs Stufe I

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